23.Mai 2011, 17:04 Uhr

Der Recyclingweltmeister tut sich mit dem Recyclen von Milchflaschen schwer

Selten nur brüsten wir Schweizer uns mit irgendwelchen besonderen Qualitäten. Den Titel des Recyclingweltmeisters aber führen wir gerne im Mund. Tatsächlich weisen wir hohe Glas-, Alu- oder PET-Sammelquoten auf. Beinahe in jedem kleinen Dorf trifft man auf Sammelstellen. Und zur besten Sendezeit, kurz vor der Tagesschau, flimmert gar ein Werbespot für PET-Recycling über den Bildschirm.

Unterschiedliche Sammelkulturen: In Singapur werden Plastik- und Glasflaschen im selben Eimer gesammelt.

Alles wunderbar also? Mitnichten. Gerade beim Sammelsystem für Plastikverpackungen gibt es einige Ungereimtheiten. Plastik ist nämlich nicht gleich Plastik. Milchflaschen, Rahmbüchschen, Kafferahmfläschchen etwa bestehen aus PE und nicht aus dem allgemein bekannten PET. Die Menge an PE-Verpackungen muss also beachtlich sein. Deswegen ist es inzwischen auch möglich PE-Verpackungen vom restlichen Abfall getrennt zu entsorgen.

PE-Sammelcontainer findet man aber nur in den Filialen von Coop und Migros. Für PET-Flaschen hingegen gibt es in der ganzen Schweiz  30‘000 Container. Doch diese Sammelcontainer sind für PE-Flaschen verbotenes Territorium. Da der Konsument eigentlich gewillt ist zu recyclen (die allgemein hohen Sammelquoten beweisen dies), aber meist schon vor kleinen Hindernissen zurückschreckt, haben wir uns in einer Kaffeepause mal gefragt, wieso man die PE-Flaschen nicht einfach in die weit verbreiteten PET-Sammelbehälter werfen darf. Was für Probleme entständen durch diese Gemischtsammlung? Und würden etwaige Nachteile nicht durch eine höhere Sammelquote aufgewogen? In Deutschland kann man die PE- und PET-Flaschen doch auch gemeinsam entsorgen. Wir haben uns mit diesen Fragen erst mal an Coop gewandt:

Sehr geehrter Coop

Als überzeugter Recycler würde mich interessieren, wie das PE-Recycling abläuft. Wer sammelt das (damit meine ich nicht die Rückgabestellen bei Coop oder Migros), wie und von wem wird es verwertet?  Wie ist die Rücklaufquote? Lohnt sich das überhaupt für diese Mengen?
Wie problematisch ist es, wenn PE im PET Behälter entsorgt wird? Bei uns im Büro beispielsweise haben wir die Kaffeerahmflaschen, welche man ja mühsam mit nach Hause nehmen müsste um dann fachgerecht in der Migros/Coop zu entsorgen. Und wer macht das schon…

Ich weiss aus einem Besuch bei einem Recycling Center, dass die gesammelten PET-Flaschen ohnehin durch eine Kontrollmaschine geführt werden, wo Fremdmaterialien aussortiert werden. Wäre es ökologisch nicht sinnvoller, beide Flaschen/resp. Kunststoffsorten zusammen zu sammeln und die Trennung erst im Recycling Center zu machen? Vor allem für die Konsumenten (welche ja nicht immer informiert sind) sicher einfacher anzuwenden.
Was geschieht momentan mit den aussortierten Fremdmaterialien, welche aus der Trennung der PET Sammlung anfallen?

Vielen Dank für Ihre Antworten!!

Mit freundlichen Grüssen

Antwort von COOP:

Das PE-Recycling ist eine freiwillige Sammlung von Coop, darum ist auch keine Sammelquote vorgeschrieben. Wir haben aber bei uns letztes Jahr eine solche zwischen 60 und 70% erreicht. Die PE-Flaschen werden gepresst, an die Verteilzentralen gesandt und von dort aus an Recycler abgegeben. Aus diesen Kunststoff-Rohstoffen entstehen z.B. dann wieder Kunststoffplatten und -Rohre. In der Schweiz gibt es einige Recyler, die dieses Material verarbeiten, wie z.B. die Innorecycling.
PE und PET sind unterschiedliche Kunststoffe, welche nicht miteinander verarbeitet werden können. Nebenbei macht das Milchfett, welches in den PE Flaschen verbleibt, das sogenannte Absenkverfahren des PET Recyclings kaputt. Wir selbst haben grosses Interesse an möglichst reinem PET, da die weissen und hellblauen Flaschen wieder in Flaschen eingearbeitet werden können.
Wir hoffen, Ihnen mit diesen Informationen gedient zu haben, und stehen Ihnen gerne weiterhin zur Verfügung.

Freundliche Grüsse
Coop

Eine erste Bemerkungen zu dieser ausführlichen Antwort:

Nebenbei macht das Milchfett, welches in den PE Flaschen verbleibt, das sogenannte Absenkverfahren des PET Recyclings kaputt.“ : Laut der Innorecycling AG selbst stimmt diese Aussage so nicht. Der Recyclingprozess wird durch das Milchfett nicht  zerstört. Er erfordert lediglich mehr Seife und einen aufwändigeren Waschgang.

Coops Antwort ist unbefriedigend. Deshalb haben wir bei PET Recycling Schweiz nochmals nachgefragt, wieso es in der Schweiz nicht möglich ist, PET und PE gemeinsam zu sammeln. PET Recycling Schweiz meinte dazu:

Sehr geehrte Dame

Gemischtsammlung ist technisch möglich, Restflüssigkeiten können jedoch das Recycling erschweren. Die Sortierung wird aufwendiger, da die notwendige Reinheit für das Bottle-to-Bottle Recycling ansonsten nicht erfüllt wird.  Die beste Qualität kann mit einer Monosammlung erreicht werden.
Aussortierte Fremdmaterialien werden im Sortiercenter nach Möglichkeit einer stofflichen Verwertung zugeführt.

Verein PRS, PET-Recycling Schweiz

PET-Recycling Schweiz lässt sich nicht aus der Reserve locken. Die Gemischtsammlung ist – das wird niemand bestreiten – wohl technisch aufwändiger, sprich teurer als eine Monosammlung. Dass PET-Recycling Schweiz kein grosses Interesse an einer Gemischtsammlung von PE und PET hat, ist nicht weiter erstaunlich. Die Flaschen zu sortieren wäre ein weiterer Arbeitsschritt, der dem Verein nicht wirklich willkommen ist. Denn die einzige Aufgabe und der Lebenssinn des Vereins PET Recycling Schweiz besteht per Definition darin so viel PET so günstig und so schnell wie irgendwie möglich zu sammeln.

Doch wir geben nicht auf. Vielleicht kann uns ja jemand, der eigentlich an jedem wiederverwertbaren Material interessiert sein sollte, eine bessere Antwort liefern. Das Recyclingunternehmen InnoRecycling AG nimmt laut Coop PE-Flaschen an und verarbeitet diese weiter. Was hält denn Innorecycling von der Idee PE und PET gemeinsam zu sammeln? Ist dies für das Recyclingunternehmen tatsächlich ein technisches Problem, wie es von PET-Recycling und Coop dargestellt wird? Würde die Gemischtsammlung nicht vielleicht die Sammelquote erhöhen? Und wie hoch ist diese überhaupt bei PE? Hier die Antwort von der InnoRecycling AG:

Sehr geehrte Dame

PE-Milchflaschen werden in unserem Recyclingwerk in Eschlikon zu Regranulat verarbeitet, welches anschliessend in die Schweizer Rohrindustrie geliefert wird. Gesammelt wird neben Migros, Coop auch von den verschiedenen Milchhäusern sowie auch von zahlreichen Entsorgungsunternehmen. Über die Rücklaufquote wissen wir nicht direkt Bescheid. Jedoch wissen wir, dass in unserem Werk pro Jahr an die 1500 Tonnen gebrauchter Milchflaschen recycliert werden.

Fehlwürfe gibt es natürlich immer wieder. Ist aber auch nicht in jedem Fall schlimm. Denn PET-flaschen werden vor dem Recycling nochmals vorsortiert und somit können PE-Milchflaschen als separate Fraktion gesammelt werden. Je nach Kanton werden diese PE-Flaschen in der Zementindustrie als Ersatzbrennstoff verwertet oder nochmals nachsortiert und anschliessend Teile davon wertstofflich recycliert.
Zurzeit wird über das Thema Separatsammlungen diskutiert, in welchem Bereich optimiert, respektive die Sammlung ausgeweitet und kundenfreundlicher gestaltet werden kann. Ergebnisse liegen  uns aber noch nicht vor.

Für weitere Fragen stehen wir gerne zur Verfügung.

InnoRecycling AG

InnoRecycling bestätigt, dass es technisch möglich ist, PE- und PET-Flaschen einfach zu sortieren. Eine grobe Vorsortierung nimmt InnoRecycling sogar bereits heute vor. Die Technologie wäre also vorhanden. Der Wille diese einzusetzen fehlt.

Nachsortierung: Schon heute wird in der Schweiz das gesammelte PET nachsortiert.

Deutschland setzt auf Monosammlung

Natürlich hätte man für diese Erkenntnis gar nicht erst allen beteiligten Schweizer Firmen schreiben müssen. Ein Blick über die Grenze hätte genügt. In Deutschland können die Konsumenten schon lange alle Leichtverpackungen aus Kunststoff in ein und demselben  „gelben Sack“ entsorgen. Sortiert werden die Kunststoffe dann von den Entsorgungsunternehmen selbst. Laut Angaben der InnoRecycling AG werden in den Nachbarländern, wo sämtliche Kunststoffe und Verpackungen zusammen gesammelt werden, immerhin knapp 50% wieder verwertet.

Auch der Bund hat eingestanden, dass Deutschland mit der Gemischtsammlung von Plastikverpackungen einen entscheidenden Erfolg verbuchen kann. In einem Positionspapier bestätigte das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft bereits 2001, dass in Deutschland der Verpackungsverbrauch nicht mehr weiter ansteigt und dank dem grosszügigen Sammelsystem gar reduziert werden konnte. Bemängelt wurden die hohen Kosten des deutschen Systems. Im Vergleich zur Schweiz, wo der Konsument 10 Franken für das Recycling bezahlt, müsse jeder Deutsche pro Jahr 45 Franken aufwenden. Die 35 Franken Mehrkosten wollte man dem armen Schweizer Konsumenten verständlicherweise nicht aufbürden und verwarf das Deutsche Modell.

Wilde Verschwörungstheorie oder ein ganz  normaler Schweizer Gesetzgebungsprozess?

Immerhin, so könnte der geneigte Leser denken, sammelt Coop doch freiwillig PE-Flaschen. Und das obwohl in der Schweiz das Sammeln von PE für die Händler, Importeure und Produzenten von PE gar nicht vorgeschrieben ist. Der Bund hat im Gesetzgebungsprozess leider nur PET-Flaschen mit einer Sammelquote versehen. Diese muss mindestens 75 Prozent betragen. Sonst droht den PET-Produzenten und Händlern ein kostspieliges Pfandsystem. Wieso aber gibt es bloss eine Sammelquote für PET und keine für PE? Die Antwort findet sich wohl in einer Eigenheit des Schweiz Gesetzgebungsprozesses. In der  sogenannten Vernehmlassung werden in der Schweiz nämlich auch die beteiligten Wirtschaftsakteure nach ihrer Meinung zu einem möglichen neuen Gesetz befragt. Das Ziel ist natürlich, wie immer in der Schweizer Politik, ein Kompromiss. Der Bund strebt danach, dass sich die Wirtschaftsakteure verpflichten alle Abfälle, die sie verursachen, selbst zu sammeln und zu recyclen. Coop und Migros sind von dieser kostspieligen Aufgabe nicht begeistert und blockieren den Gesetzgebungsprozess. In weiteren Gesprächen bieten sie einen Kompromiss an. PET werden sie sammeln. PE nicht. Das ginge zu weit. Nun, nachdem der wirtschaftliche Nutzen einer PE-Sammlung erkannt worden ist, brüsten sie sich damit, PE gar freiwillig  zu sammeln.

Ist dies alles nur eine abwegige Verschwörungstheorie? Vielleicht. Doch womöglich ist ist dies auch einfach nur ein typisches Beispiel dafür, wie in der Schweiz Gesetze gemacht werden.

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2 Responses to Der Recyclingweltmeister tut sich mit dem Recyclen von Milchflaschen schwer

  1. PETe says:

    übrigens: wer bei der migros pet- und pe-flaschen in verschieden gekennzeichnete öffungen wirft, sollte mal einen blick in diese löcher wagen…er wird sehen, dahinter steht nur ein container!

  2. Pingback: Für die Müllhalde: die Anti-Litteringkampagne der SBB zielt am Problem vorbei «

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