21.Juni 2010, 20:15 Uhr

Serie (1): Haben Erdölkonzerne ein Gewissen?

Erdölkonzerne stehen nicht erst seit der BP-Katastrophe am Mexikanischen Golf mit negativen Schlagzeilen in der Presse. So verschmutzt Shell seit 50 Jahren das Nigerdelta in Nigeria und provozierte beinahe einen weiteren Bürgerkrieg. In Ecuador verseucht Texaco die Grundwasserreserven. Doch nicht nur mit dem schwarzen Gold selbst schaden die Ölförderunternehmen der Umwelt. Exxon Mobile (in der Schweiz bekannt als Esso) leugnet aktiv den Klimawandel. Ausserdem verwenden sie grosse Summen darauf, diese abenteuerlichen Behauptungen mit scheinbar wissenschaftlichen Fakten zu untermauern. Und ein Teil des Benzins an Schweizer Tankstellen stammt gar aus Lybien, wo Menschenrechte bekanntlich ein Fremdwort sind.

Sind sich Erdölkonzerne der Folgen ihres Handelns bewusst? Haben sie ein ethisches Bewusstsein oder scheissen sie auf Umwelt und Mitmenschen? Und wenn sie tatsächlich so skrupellos und assozial sind, wie es aufgrund der oben erwähnten Ereignisse zu befürchten ist: Wo sollen wir dann noch tanken?

Wir haben uns mit diesen Fragen an Menschenrechtsorganisationen gewandt.

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich bin ein Student der politischen Wissenschaft und identifiziere mich schon seit mehreren Jahren mit den Zielen und Werten Ihrer Organisation. Es gefällt mir besonders, dass Ihr Euch nicht nur auf Menschenrechte im Zusammenhang mit dem Agieren von Staaten, sondern auch auf Menschenrechte im Zusammenhang mit Corporate Social Responsibility konzentriert.

Ich schreibe Ihnen, weil ich in diesem Zusammenhang eine Frage habe. Es geht darum, wo ich in Zukunft mein Benzin kaufen soll. Amnesty hat zur Zeit diese Kampagne gegen Shell, weil diese im Niger Delta durch ruchlose und unvorsichtige Aktionen die Grundwasserreserven verschmutzen. BP ist aktuell in den Schlagzeilen mit enorm schlechten Krisenmanagement nach dem Ölunfall im Golf von Mexico und gefährdet so Tiere und Menschen. Tamoil kann man aus Schweizer Sicht auch nicht mehr kaufen, seit den menschenrechtsverachtenden Aktionen von Lybien

Welche Firmen haben die ausgeprägteste Corporate Social Responsibility (für unsere Leser: welche Firma handelt am sozialsten und am nachhaltigsten?) An welchen Zapfsäulen hängen am wenigsten Menschenrechtsverletzungen? Wo tanken Sie?

Eine erste schnelle Antwort haben wir von Human Rights Watch aus Deutschland bekommen:

Lieber Herr

Leider können wir Ihnen in dieser Frage nicht weiterhelfen. Wir würden Ihnen aber empfehlen, sich eventuell bei Transparency International zu erkundigen, welche konkreter zu dem von Ihnen angesprochenen Thema arbeiten

Mit den besten Grüßen aus Berlin.

Und ab zu Transparency International:

Herzlichen Dank für Ihre Anfrage und Ihr Interesse an unserer Arbeit. Leider verfügt Transparency über kein Ranking, das sich direkt mit Menschenrechtsverletzungen  befasst. 2008 wurde von Transparency International ein Bericht zur Transparenz in Öl- und Gasunternehmen erstellt (siehe http://www.transparency.org/publications/publications/other/prt_2008) [Conclusion auf seite 29 (Anm. der Red.)]. Dort geht es darum zu erkennen, wie transparent die Unternehmen über ihre Zahlungen an die Regierungen derjenigen Länder berichten, in denen sie tätig sind. Unter dem sogenannten „resource curse“ versteht man das Phänomen, das die Vorkommen an Öl oder Gas in einem Land zwar enorme Umsätze generieren können, aber dass die Einnahmen – sofern sie nicht richtig verwaltet werden – das wirtschaftliche Wachstum eines Landes gar verhindern und Anreize zur persönlichen Bereicherung und zu korruptem Verhalten schaffen können.

Auch die Organisation Transparency International kann uns also nicht wirklich weiterhelfen. Sie wissen ebenfalls nicht, welcher Erdölkonzern am häufigsten oder am seltensten Menschenrechte verletzt.

Immerhin gibt es eine Untersuchung, die darüber Auskunft gibt, ob die Erdölkonzerne öffentlich bekannt geben wem sie wieviel bezahlt haben, um in den verschiedenen Ländern Öl oder Gas fördern zu dürfen. Wer in dieser Untersuchung besonder gut abschneidet, gibt also zumindest bekannt, ob er nun der Regierung des jeweiligen Landes oder auch noch verschiedenen Ministern oder gar regionalen Kriegsherren Geld überwiesen hat um an eine Förderlizenz zu gelangen. Stehst du zuoberst auf der Rangliste, bist du nicht wirklich netter oder sozialer, aber zumindest ehrlicher.

Das zeigt auch das Beispiel des Konzerns ConocoPhillips, der in besagtem Bericht gut abschneidet. ConocoPhillips gibt also bereitwilllig Auskunft, wieviel Geld eingesetzt wurde, um wichtige Behörden oder Einzelpersonen zu bestechen. Das macht den Erdölkonzern keineswegs zu einem sozialen Unternehmen. Gibt man nämlich “Human Rights Violations” und “Conoco Phillips” bei Ecosia.org ein, beschenkt einem die ökologische Suchmaschine mit beinahe 6000 Einträgen. Berichtet ein Erdölkonzern ehrlich über seine Arbeit, wird seine Arbeit dadurch weder ökologischer noch sozialer.

Doch es gibt ja noch andere Menschenrechtsorganisationen. Weiss eine von ihnen, wo man guten Gewissens tanken kann? Die Antwort auf diese Frage folgt im zweiten Teil unserer kleinen Erdölserie…

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Diskussion

  • Denisse B.

    Lieber Allan,

    Ich denke, es ist Zeit, dass jemand beginnt, die richtigen Fragen an die richtigen Leute. CONGRATS !! für den Versuch. Ich möchte mit Ihnen teilen Gedanken über Ölgesellschaften”Fehlverhalten”.

    1.- Seine einfach zu beurteilen Menschen Personen, die Waren aus kaufen ‘corrupt companies’, mit den meisten Waren Sie in der Regel finden Sie eine geeignete Ersatz, Allerdings, Öl ein wenig komplizierter ist, ist Öl ein inelastischer gut.Es ist in fast allem, was wir konsumieren und essen.

    - Wenn alle Unternehmen bei der Ölförderung beteiligt sind irgendwie “Fehlverhalten”, Wo bekommen wir unsere Öl aus?
    - Und wenn wir nicht finden können, eine ethische Anbieter … Wie bekommen wir unser Öl?
    - Wie ich es sehe, sind die Unternehmen immer werde “Vorteil von Umstände” zu ergreifen, um mehr Gewinn zu machen. Wie verändern wir diese “Umstände”?

    2.- Wie können wir nehmen diese Angelegenheit auf die “Bürgerlichen”,die Person, die das Öl braucht, weil er sich nicht leisten können zu spät zur Arbeit zu kommen? Glaubst du, diese Person interessiert, wenn seine tägliche Öl-Provider verursacht den Tod von Millionen?
    - Ein einfacher Vergleich … Haben die Menschen Nach Hiroshima, stop kaufen amerikanische Produkte?? … und nach dem Irak-Krieg?
    - Ich denke, Wir haben einen Punkt erreicht, wo es geht darum, “oder eat” gefressen “?
    Die Frage ist also: Ist diese wirtschaftliche Ära treibt uns dazu, Kannibalismus?

    Ich hoffe, diese Fragen Anreiz Ihre Forschung.
    Ich wünsche Ihnen viel Glück mit Ihrem Untersuchung Sorge der Bürger :) Und ich hoffe ihr könnt mir helfen, einige Antworten zu finden.

    Mit den besten Grüßen

    • Allan Quatermain

      Dear Denisse,

      Please feel free to write your comments in English (or even Spanish :) if you’d like to!

      The dependency on oil – as you said a good nearly in everything we consume – of course is THE burden we need to tackle. But it is the consumers together with science, politics, corporations and the media who are able to start cut us loose from this dependency.

      Sustainable living, partly enabled by scientists or politicians, starts in the common man’s daily routine (e.g. carry a paper bag with you if you go shopping so you don’t need the dozens of plastic bags they want to offer you).

      If we the people show sensitivity to such issues corporations, companies whatever start to pay attention to this behavior. They need good publicity so we keep on buying their products. And if the civil society is well organized (NGOs etc.), faked Corporate Social Responsability will rather pay off as bad publicity then positive promotion for a company.

      So if a minority start such actions and media in a democratic state takes interests in the behavior of minorities the output by media and the pressure on companies gets bigger and bigger. So they will react even if the majority of the people don’t care if people in the Nigerdelta suffer from polluted water etc.

      It is us – the civil society plus the media – who have to start this pressure on the companies – supported by scientific research. Politicians just need to not block the process but if the take positive action the better it is.

      Well at least my opinion and also one aspect why LAMM exists …

      Take care Denni

  • http://www.studiosus.project21.ch/artikel/ Lukas

    Clever der Verweis auf http://www.ecosia.org... Da habe ich auch wieder etwas Neues kennengelernt!

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