Rechenstunde mit Ringier
Am 12. Januar veröffentlichte Ringier eine brisante Medienmitteilung. Darin erfährt der Leser, dass die Blick-Gruppe (Blick, Sonntagsblick, Blick am Abend und Blick.ch) am 7.März einen neuen Newsroom beziehen wird, weshalb die verschiedenen Redaktionen der Blick-Gruppe zu einer einzigen Redaktion zusammengelegt werden. Dies geht natürlich mit Effizienzsteigerung, sprich einem Stellenabbau einher. Allerdings verkündet Ringier stolz, dass die 29 betroffenen Stellen “hauptsächlich in der Produktion, nicht in den schreibenden Ressorts” abgebaut werden sollen. Die ganze Geschichte nahm eine merkwürdige Entwicklung, als die Gewerkschaft comedia verkündete 13,5 der 29 Stellen würden im schreibenden Ressort abgebaut. LAMM rechnete flink und stellte erstaunt fest: Beinahe die Hälfte der gestrichenen Stellen wären “schreibende Stellen” (sprich: Journalisten), was der Mitteilung von Ringier klar widersprechen würde. Hat Ringier etwa gelogen?
Sehr geehrte Damen und Heren,
Ich mag den Blick und lese ihn auch mehrmals pro Woche. Deshalb war ich vor ein paar Tagen auch betrübt zu lesen, dass Ringier Stellen streicht, weil die verschiedenen Redaktionen zusammengelegt werden. Dann erfuhr ich aber, dass Ringier keine Journalisten („schreibende Medienschaffende“ hiess das glaub ich) entlassen wird. Also werden nur Grafiker und Designer und Layouter entlassen, dachte ich. Doch jetzt habe ich über einen Blog erfahren, dass dies gar nicht stimmen soll: Angeblich werden auch Journalisten entlassen, verliert die Redaktion doch 13.5 Vollzeitstellen bei den schreibenden Medienschaffenden. Dies behauptet auf jeden Fall die Gewerkschaft Comedia. Das hat mich ein wenig verwirrt. Wer hat denn nun Recht? Wer lügt? Es würde mich sehr freuen, wenn sie mir dies etwas erklären könnten, denn ich schätze den Blick tatsächlich und möchte wissen, ob denn nun tatsächlich Journalisten entlassen werden oder nicht?
Vielen herzlichen Dank im Voraus und freundliche Grüsse
Die Medienabteilung der Ringier Gruppe antwortete sofort:
Sehr geehrter Herr
Wie Sie unserer Medienmitteilung vom Dienstag (beiliegend) entnehmen können, hat Ringier nie behauptet, es würden keine Journalistenstellen abgebaut. Wir haben auf Anfrage auch klar festgehalten, dass der Stellenabbau mit 28% hauptsächlich die Produktion betrifft. Bei den “schreibenden Ressort” werden hingegen 11% der Stellen aufgehoben.
In den nächsten drei Wochen werden wir mit der Personalkommission Konsultativverhandlungen führen und die Planung der Arbeitsprozesse wird weiter verfeinert. Deshalb können wir heute nicht sagen, wie viele Vollzeitstellen, respektive Arbeitsplätze abgebaut werden. Nach Abschluss dieses Prozesses werden wir voraussichtlich Mitte Februar die genauen Zahlen kommunizieren können. Aus demselben Grund können wir die Zahlen, die von den Gewerkschaften genannt werden, zum heutigen Zeitpunkt weder bestätigen noch kommentieren.
Die Qualität einer Zeitung erachten wir angesichts der riesigen Menge an Informationsmöglichkeiten unserer Kunden als ein zentrales Unterscheidungsmerkmal. Es ist uns also sehr bewusst, dass die Qualität unserer Publikationen keinesfalls leiden darf. Die Einrichtung des Newsrooms verfolgt denn auch das Ziel, dem Kunden jederzeit auf allen Kanälen die gewünschten Inhalte zur Verfügung zu stellen. Dieser Service, der eine Morgen- eine Abend- und eine Sonntagspublikation plus ein 24-Stunden-Newsportal umfasst, kann sinnvoll nur aus einem integrierten Newsroom angeboten werden. Dabei ist es selbstverständlich, dass wenn vier heute getrennt arbeitende Redaktionen unter einem Dach zusammengeführt werden, Synergien entstehen. Angesichts der dramatischen Einbrüche im Anzeigenmarkt, müssen wir diese auch nutzen. Zusammenführen heisst im Übrigen nicht zusammenlegen. Wir legen grössten Wert darauf, dass Blick, Blick am Abend, SonntagsBlick und Blick.ch ihren jeweiligen Charakter beibehalten. Dafür sorgen die einzelnen Chefredaktoren.
Wir sind überzeugt, dass die Blick-Gruppe ab dem 7. März qualitativ mindestens so gute Publikation anbieten wird wie heute und würden uns sehr freuen, Sie auch weiterhin zu unseren Lesern zählen zu dürfen.
Freundliche Grüsse
Diese lange Ausführung mag etwas verwirren (vermutlich lernt man diese Verschleierungstechnik im Studiengang Wirtschaftskommunikation). Deshalb hier eine kurze Zusammenfassung: Nein, Ringier hat nicht gelogen. Auch wenn Ringier in der Medienmitteilung gesagt hat, dass hauptsächlich Nichtjournalisten entlassen würden. Denn: Wenn man die Anzahl entlassener Journalisten ins Verhältnis zu den gesamthaft angestellten Journalisten setzt, sieht man, dass nur 11 Prozent der gesamthaft angestellten Journalisten entlassen werden. Ganz anders bei den Nichtjournalisten: Hier entlässt Ringier ganze 29 Prozent der angestellten Grafiker, Layouter und Produzenten. Deshalb behauptet Ringier, dass hauptsächlich Grafiker, Layouter und Produzenten entlassen würden, OBWOHL tatsächlich ebensoviele Journalisten den Job verlieren werden.
Überzeugt diese Argumentation? Nicht wirklich. Denn tatsächlich entlässt Ringier gleich viele Journalisten wie Nichtjournalisten. In der Medienmitteilung verliert Ringier bezeichnenderweise kein Wort über die zitierten Prozentzahlen. Diese liefert der Verlag in die Enge getrieben und im Bewusstsein der eigenen Argumentationsschwäche erst auf Nachfrage. Rechnen mit Ringier? Lügen mit Ringier!

Ist das überhaupt von Belang? Sind schreibende Journalisten als Menschen wertvoller als Produzenten, Layouter usw.?
Selbstverständlich ist es von Belang, wenn in einer Medienmitteilung gelogen wird. Niemand hat behauptet Journalisten seien wertvoller als Layouter etc. Jedoch lügt Ringier und verschleiert wieviele Journalisten, dass abgebaut werden sollen, weil sie genau wissen, dass Leser sensibel reagieren, wenn ihrer Zeitung die Schreiberlinge weggekürzt werden. Natürlich bedanke ich mich wieder einmal für deinen – wie immer – äusserst konstruktiven Kommentar.
Das habe ich aus dem Blickwinkel noch gar nicht gesehen. Der Ansatz ist auf jeden Fall interessant. Da haben wir gestern noch in der Firma drüber geredet.