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Wirtschaftsethik an der Universität Zürich?

23. November 2009

In den letzten Monaten hat das Fach Wirtschaftsethik einige mediale Aufmerksamkeit erhalten. Nachdem Ulrich Thielemann, Wirtschaftsethikprofessor an der HSG, das Schweizer Steuersystem kritisiert hatte, wurde er nicht nur vom Rektor gerügt, es wurde auch gleich das Fach an sich grundsätzlich in Frage gestellt. Ex-Bundesrat Christoph Blocher bewarb sich gar für den Lehrstuhl für Wirtschaftsethik in St.Gallen, erwähnte aber nebenbei, dass er das Fach selbst eigentlich überflüssig finde. LAMM findet, dass gerade in der Ökonomie, die ja per Definition dem Menschen dienen sollte, Ethik und Moral eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Auch die Universität scheint dem in ihrem Leitbild Rechnung zu tragen. Durchkämmt man aber das Vorlesungsverzeichnis der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät nach einer Vorlesung in Wirtschaftsethik, stellt man fest: Es gibt keine. Am nächsten kommt dem Ganzen noch ein freiwilliges WAHLModul in “Ökonomischer Ethik” (etwas ungeschickter Titel finden wir, naja). Wir wandten uns an die Fakultätsleitung und fragten, wo an der Universität Zürich  angehende Ökonomen Diskussionen um Moral und Ethike in der Wirtschaft führen müssen?

Guten Tag Herr Dekan

Vor kurzem habe ich mich mit einem befreundetem Wirtschaftsstudent der Uni Zürich unterhalten, da ich selbst in Erwägung ziehe ein Wirtschaftsstudium als Zweitstudium zu absolvieren. Im Laufe dieses Gesprächs wurde mir klar, dass keine der Pflichtvorlesungen das Thema Ethik im heutigen Wirtschaftssystem aufgreift. In den Pflichtvorlesungen werden zwar die Grenzen von ökonomischen Modellen erwähnt, aber nicht kritisch diskutiert.

Eine Vorlesung, welche die Studenten zur kritischen Betrachtung des heutigen Wirtschaftssystems auffordert, würde meiner Meinung nach ihren Betrachtungshorizont erweitern und ihr kritisches Denkvermögen schärfen – zwei wichtige Kompetenzen um als Wirtschaftsexperte den vielseitigen Herausforderungen und komplexen Zusammenhänge in der heutigen Welt entsprechen zu können.

Wäre es deshalb für die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Uni Zürich nicht erstrebenswert nach dem Vorbild der Universität St. Gallen einen Lehrstuhl für Ethik und Wirtschaft aufzubauen, welche dementsprechende Pflichtvorlesungen anbieten könnte?

Ich würde mich sehr freuen, wenn sie zu meiner Frage Stellung nehmen könnten.

Vielen Dank und freundliche Grüsse

Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät nahm Stellung:

Sehr geehrte Dame

Vielen Dank für Ihre Anfrage, auf die ich Ihnen gerne in Absprache mit dem Dekan antworte. Ethik und Corporate Social Responsibility sind sehr wichtige Tehmen, wenn man sich mit den Wirtschaftswissenschaften auseinandersetzt.

Unsere Fakultät vertritt die Ansicht, dass diese Fragen in allen Fächern der Wirtschaftswissenschaften kritisch reflektiert werden und als Querschnittsthemen ständiger Bestandteil der Lehre sein sollen.

Deshalb ist nicht geplant, an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät einen Lehrstuhl in Wirtschaftsethik einzurichten. Da die Universität Zürich aber ein umfassendes Studienangebot hat, das auch Ethik-Kurse umfasst, hätten Sie die Möglichkeit, im Rahmen freier Wahlpunkte entsprechende vertiefende Veranstaltungen zu belegen.

Mit freundlichen Grüsse

So wie ich das verstehe, sollten die Professoren nach eigenem Gutdünken ethische Probleme ansprechen; ob sie dies tatsächlich tun, kümmert aber eigentlich niemanden so richtig. Denn: Es gäbe da jo noch, rein theoretisch, die Möglichkeit an einer anderen Fakultät freiwillig ein paar Kurse zu belegen. Wieviele Wirtschaftsstudenten pro Semester einen solchen Kurs besuchen, sollte eigentlich auch das nette Dekanat wissen. Wir werden nachfragen und bereiten uns auf bedrückende Zahlen vor… haben nachgefragt:

Sehr geehrtes Dekanat

Vielen Dank für Ihre aufschlussreiche Antwort. Zwei Fragen hätte ich trotzdem noch:

1)      Ist es den rein organisatorisch möglich solche Ethik-Kurse zu belegen – sprich gibt es da keine Probleme mit zeitlichen Überschneidungen und lässt das Arbeitspensum eines Wirtschaftsstudiums eine zusätzliche Auseinandersetzung mit ethischen Themen im Rahmen solcher Kurse zu?

2)      Von wie vielen Wirtschaftsstudenten wird das Angebot dieser Ethik-Kurse genutzt?

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir diese zwei weiteren Fragen beantworten könnten.

Mit freundlichen Grüssen

Glücklicherweise antwortete das Dekanat sehr prompt:

Sehr geehrte Dame

An unserer Fakultät werden lediglich die Pflichtveranstaltungen zeitlich so abgestimmt, dass sie sich nicht überschneiden. Die weiteren Veranstaltungen im Rahmen der Wahlpflichtbereiche werden nicht aufeinander abgestimmt. Es ist Sache der Studierenden, sich aufgrund ihrer persönlichen Schwerpunkte Stundenplände zusammenzustellen. Dies gilt selbstverständlich auch, wenn die Veranstaltungen von anderen Fakultäten angeboten werden wie es die Ethik-Module wären.

Wenn Sie in einem Semester Module im Gesamtumfang von 30 ECTS-Punkten belegen, absolvieren Sie ein Vollzeitstudium. Ein ECTS-Punkt bedeutet 30 Arbeitsstunden für die Studierenden. Diese 30 Punkte setzen sich aus Heimarbeit und Präsenzunterricht zusammen.

Leider haben wir keine Auswertung zur Verfügung, welche darüber Auskunft gibt, wie viele Wirtschaftsstudierende Ethik-Kurse belegen.

Mit freundlichen Grüssen

Nun ja, viel mehr wissen wir jetzt auch nicht. So wie es zu erwarten war und vermutlich an allen Instituten und Fakultäten der Universität gehandhabt wird: Studenten schaut selbst. Nach meiner eigenen Erfahrung überschneiden sich des öfteren Pflichtmodule mit Wahlmodulen, weshalb ich es besonders wichtig fände, ein Ethikmodul (darf auch eines sein, das die Wirtschaftsfakultät selbst anbietet, aber bitte wirklich Wirtschaftsethik; nicht einfach nur Unternehmensethik) zum Pflichtmodul zu erklären.

5 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. J Lasser Permalink
    24. November 2009 16:17

    Hmmm, schade, erste Montags mail die ich nicht nachvollziehen kann. Hier meine Meinung, aus Sicht eines Wirtschaftsstudenten:
    Wirtschaftsethik ist ein Wort, Praxisnäher ist Corporate Governance [CG].
    CG wird von Prof Franck, Prof Thommen, Prof Sachs unterrichtet. Weiter legt das IRC (Institut für Rechnungswesen und Controlling), grossen Wert auf CG, was nochmals 3 Professoren mehr macht.
    Wie die Antwort es behauptet, jeder Prof erwähnt es so viel wie er es für nötig empfindet, was hier keine faule Ausrede war. Man hört immer und immer wieder von Corporate Governance / Corporate Social Responsability / Stakeholder Mgmt / etc in allen Vorlesungen. Dieses Thema hat mit der Wirtschaftskrise noch an Gewicht gewonnen, ist also überhaupt nicht untergegangen.
    Für Studenten die an Nachhaltigkeit und Corporate Governance in der Wirtschaft interessiert sind, kann ich Business & Society von Prof Thommen & Prof Sachs empfehlen. Nach 2std Theorie, werden immer Gastredner der Industrie eingeladen, die zeigen was ein Unternehmen für Nachhaltigkeit in der Wirtschaft leisten kann.

    Danke an das LAMM Team, für die unterhaltsamen Mails!

    • 24. November 2009 23:38

      Hm, Wirtschaftsethik ist eben nicht einfach nur ein Wort. Corporate Governance gehört wenn man es schon mit Ethik in Verbindung bringen will zur Unternehmensethik. Diese wiederum ist nur ein Teilgebiet der Wirtschaftsethik. Die Wirtschaftsethik selbst beschäftigt sich mit ethischen Prinzipien einer Gesellschaft und deren Wirtschaftssystem. Die Funktionsweisen, die Bedeutung und Rolle der ethischen Prinzipien wird untersucht in Bezug auf die Rolle des Eigentums oder öffentlicher Güter, Markt- oder Planwirtschaft oder in Bezug auf soziale Themen wie Umverteilung durch Steuern und Abgaben, Armut oder Hunger als Folge des Wirtschaftssystems usw. Die Wirtschaftsethik hinterfragt also das gesamte Wirtschaftssystem selbst auf die Erfüllung seiner Funktion.
      Coporate Governance wiederum ist ein leider sehr schwammiges Prinzip, das von Land zu Land anders gehandhabt wird und unterschiedlichste Kriterien umfasst. Es dient zuerst der Gewährleistung guter Unternehmensführung. Wie diese zu definieren ist, hängt wiederum von den einzelnen Kriterien ab, um die heftig gestritten wird. In der Vorlesung Governance beispielsweise spielt Ethik meines Wissens eine sehr geringe Rolle. Hier sonst der Link zur Vorlesung mit dem Inhaltsverzeichnis und Unterlagen. Das Konzept bezieht sich auf Unternehmenspolitik (interne) und beschäftigt sich folglich nicht mit dem Wirtschaftssystem als Ganzem. Corporate Governance wurde ja auch eingeführt um die Transparenz börsenkotierter Unternehmen zu gewährleisten und eine saubere Rechnungsführung usw. sicherzustellen. Daher findet es auch im IRC so grosse Beachtung.

      Meines Erachtens sollte ein für unsere Gesellschaft so bedeutender Studiengang es sich leisten können, ein Pflichtmodul anzubieten, in welchem die gesamten Prinzipien des Wirtschaftssystem auf ihre ethischen/moralischen Prinzipien hinterfragt werden. Andere Universitäten leisten sich ja auch ein solches Modul. Die Universität Zürich, an der gerade die Volkswirtschaftslehre einen ausserordentlich guten Ruf geniesst, sollte da nicht hinten anstehen.

      Danke vielmals für deinen Input. Wir freuen uns sehr ab jedem konstruktiven Beitrag.

  2. 7. Dezember 2009 11:05

    Das Thema Wirtschaftsethik spielt in der universitären Lehre und in der Ausbildung von Wirtschaftswissenschaftlern insgesamt eine verschwindend geringe Rolle – und das völlig zu Unrecht! Ethik dient dazu, werdenden Entscheidungsträgern Handlungsorientierung zu bieten, derer es in komplexen Wirkungszusammenhängen – gerade in der Wirtschaft – immer häufiger bedarf. Insofern sollte das Fach Wirtschaftsethik auch systematisch und methodisch fundiert als fester Bestandteil in die Curricula der Wirtschaftsstudiengänge an Hochschulen integriert werden. Vielen Dank daher für diese Initiative!
    Übrigens: Wer mehr über das Thema Wirtschaftsethik erfahren will, kann sich gerne mal meinen kürzlich gestarteten Blog hierzu ansehen: http://wirtschaftsphilosophie.wordpress.com

    Und wer fundiertes Interesse an einer modernen Wirtschaftsethik hat, dem empfehle ich das folgende Buch: „Das Menschenbild in der Ökonomie – Reflexionen über eine moderne Wirtschaftsethik und deren Chancen in der realwirtschaftlichen Praxis“

  3. Wilhelmina Harker Permalink*
    8. Dezember 2009 21:12

    LAMM steht mit dieser Forderung nicht alleine da!!!

    https://assets.wwf.ch/downloads/standpunkt_umwelt_wirtschaftsethik.pdf

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